Stadttheater Giessen
    Es kracht im Gebälk

    Es kracht im Gebälk
    Uraufführung für Anne Rabes Stück "Ohne Netz" im TiL


    Gießen. Die Wahrheit kommt immer ans Licht - auch in Anne Rabes Stück "Ohne Netz", das am Samstag unter der Regie von Ragna Kirck im TiL uraufgeführt wurde. Und am Ende gab es kräftigen Applaus für das Schauspiel, das am Anfang als Komödie daherkommt, allerdings nur, um desto heftiger in eine bitterböse Sozialsatire umzuschlagen.

    Dem Zuschauer bleibt das Lachen förmlich im Hals stecken, wenn Rabe schonungslos hinter den schönen Schein des Ehelebens zweier Pärchen blickt, die die Wirrnisse des Lebens eigentlich längst hinter sich gelassen haben sollten.

    Haben sie aber nicht, denn alte Wunden brechen wieder auf, als die Paare Silvia und Peter sowie Karla und Johann lange Jahre nach dem gemeinsamen Studium zusammen auf einer Insel Urlaub machen.

    Was als idyllisch-humorvolles Wiedersehen beginnt, endet als schauspielerisch erstklassig umgesetztes Beziehungsdrama, das allerdings kein Selbstzweck ist. Rabe nutzt es vielmehr dazu, die Rollen, in denen sich ihre vier Protagonisten im Alltag verschanzt haben, zu zerschlagen.

    Genüsslich demontiert sie die Vorstellung von "Vernunftehe", die in zwölf Szenen als Selbstbetrug enttarnt wird. Und in großen Lettern scheint über der Geschichte der Satz aus Sartres "Geschlossener Gesellschaft" zu schweben: "Die Hölle, das sind die anderen."

    Gemeint ist damit, dass sich Menschen zwar selbst belügen und so vielleicht auch ohne Liebe in eine Ehe fügen. Wehe aber sie treffen auf ein Gegenüber, das eine besondere Beziehung zu ihnen hat, die Emotionen weckt und ihre wahre Natur zum Vorschein bringt. Dann krachts im Gebälk und das tuts nicht zu knapp.

    Hier belügen sich gleich alle vier Protagonisten selbst: Partymaus Silvia - von Lena Sabine Berg glänzend als triebgesteuerte und haltlose Lebefrau dargestellt -, liebt nicht ihren Ehemann sondern immer schon Karla und ertränkt ihren Kummer im Alkohol.

    Karla, die Kyra Lippler in feinen Facetten als unsichere, spießige Hausfrau zeichnet, kann die Liebe nicht erwidern und ist vor allem von ihrem Mann enttäuscht. Pikant: Vor Jahren hat Silvia eine Affäre mit Johann angezettelt, um sich an Karla heranzumachen.

    Inszenierte Idyllen brechen zusammen, wenn echte Gefühle ins Spiel kommen

    Die ganze Geschichte gewinnt an Brisanz, weil Personalchef Johann, den Rainer Hustedt glaubhaft als um Autorität bemühten Pantoffelhelden auf die Bühne bringt, seinen Job verloren hat und Peter um Geld bitten muss. Der ist begreiflicherweise nachtragend - auch gegenüber seiner Frau. Und das ist die schaurigste Szene des Stücks: als in Peter, den Roman Kurtz über weite Strecken als coolen und stoischen Beamtentypen spielt, plötzlich der Hass ausbricht und er seine Frau fast mit Whisky ertränkt. Schauspielerisch brillant, großartig, grausam.

    Das Fazit ganz im Sartreschen Sinne: Egal ob Wut, Enttäuschung oder Liebe - inszenierte Idyllen brechen zusammen, wenn echte Gefühle ins Spiel kommen. Ganz ähnlich wie der französische Autor beweist Rabe das quasi unter Laborbedingungen - zu denen die klinisch weißen Kostüme und Kulissen von Udo Herbster hervorragend passen -, denn in der Abgeschiedenheit ihrer Insel können sich die Vier ungestört ihren Konflikten widmen.

    Kurzum: Die 24-jährige Autorin wandelt in großen Fußstapfen, aber sie füllt sie. Ob sie mit ihrem Stück den modernen, mehr an marktwirtschaftlichen Kriterien als an Liebe orientierten Singlemarkt kritisiert? Ganz sicher und klar ist das: Großartiges Stück, feine Inszenierung, fabelhafte Schauspieler. So geht erstklassiges modernes Theater. Stephan Scholz, Wetzlarer Neue Zeitung, 01.03.2011